Fast alles kann schlank machen

Das Richtige essen oder weglassen – beide Methoden verheissen müheloses Abnehmen
Der Frühling schärft die Sinne für Ästhetik, vor
allem bezüglich der eigenen Körperformen, die
wieder einmal allzu rund erscheinen. Magisch
werden die Blicke auf Plakate und Inserate gelenkt,
die schlanke, straffe Silhouetten zeigen.
Und Versprechungen wie «dauerhaft schlank»
und «in 20 Tagen 20 Pfunde weniger» setzen
sich wie Widerhaken im Fettgewebe fest.
In dieser Situation scheut mancher vor Investitionen
nicht zurück. Zum Beispiel für den
Kauf eines Buches mit dem Titel «Der Negativ-
Kalorien-Effekt», das eine Gewichtsreduktion
von 2,5 Kilo in der ersten Woche und von mindestens
1,5 Kilo in den folgenden verheisst. Und
dies ohne Mühsal und Hunger. Hier geht es
nicht darum, weniger zu essen, sondern anders
zu essen. Wenn der Speiseplan mit den richtigen
19 Nahrungsmitteln angereichert wird, ist
das Abnehmen angeblich programmiert. Wie
auf 150 Seiten zu erfahren ist, fressen die guten
Kalorien sozusagen die schlechten auf, weil ihre
Verdauung mehr Kalorien benötigt, als sie selber
haben. Demzufolge machen Peperoni
schlank, lässt Grünkohl die Kilos purzeln, verhelfen
Zwiebeln zur Idealfigur. Alles ganz einfach.
Oder vielleicht doch nicht?

Bei jedem anders
Der Fitness-Papst Dr. Ulrich Strunz vertritt jedenfalls
eine andere Theorie. In seinem Buch
«Fit mit Fett» ist nicht von kalorienverzehrendem
Gemüse, sondern von «Killerfetten» die
Rede. Da vernimmt der Leser, dass Oliven-,
Lein- und Rapsöl, aber auch Erdnüsse und fetter
Fisch wie Lachs und Thon den Speck an Bauch
und Hüften zum Schmelzen bringen. Dies dank
den darin enthaltenen ungesättigten Fettsäuren,
aus denen der Körper fettverbrennende Hormone
bildet. Bevor man sich gemütlich mit
einem Päckchen Nüsschen aufs Sofa fläzt, empfiehlt
sich jedoch die Lektüre eines weiteren
Buches: Laut «Genuss-Diät» von Dr. Rainer
Holzhüter gibt es keine allgemein gültigen Rezepte.
Jeder Mensch, so liest man, hat seine persönlichen
Dickmacher. Denn für Stoffwechselstörungen
und Übergewicht sind Nahrungsmittelunverträglichkeiten
verantwortlich. Wenn die Störenfriede entlarvt und künftig weggelassen werden, kann das Idealgewicht beinahe mühelos erreicht und auch erhalten werden.
Gleicher Ansicht ist der Zürcher Diätspezialist
Dr. med. Clarence P. Davis , der in seinem
Institut «swissestetix » in Zollikon abklärt und
berät. «Möglich, dass Peperoni, Zwiebeln,
Lachs und Thon die schlanke Linie begünstigen.
Sie können aber auch das Gegenteil bewirken.
Dann nämlich, wenn diese Nahrungsmittel vom
Immunsystem schlecht toleriert werden. In diesem
Fall bilden sich komplexe Abwehrreaktionen
im Körper, die eine Gewichtszunahme zur
Folge haben können.» Als Ursache dafür kommen
genetisch bedingte Überempfindlichkeitsbereitschaft,
Verzicht auf Stillen, industrielle
Nahrungsverarbeitung sowie Umweltbelastungen
in Frage. Die Abhandlung, die der Arzt den
Ratsuchenden in die Hand drückt, hält fest, dass
das Immunsystem gegen jeden in den Blutkreislauf
gelangenden Fremdkörper eine Immunantwort
und Abwehr-Eiweisse (Antikörper, Immunglobuline)
aufbaut, um den Fremdkörper zu neutralisieren. Entscheidend ist der Grad der hr und wie lange sie dauert. Je mehr der Organismus beschäftigt ist, Antikörper zu bilden, umso weniger Energie hat er für
den Transport von Sauer- und Vitalstoffen sowie
für die Bekämpfung von Viren und Bakterien.
Geschieht dies über eine längere Phase, so
kommt es zu unheilvollen Veränderungen im
Fettstoffwechsel. Das Gewicht steigt langsam,
aber stetig an und kann nicht mehr unter Kontrolle
gebracht werden. Selbst Diäten, die früher
wirkten, bringen nichts mehr.


Gewohnheiten ändern
Perfiderweise werden die Unverträglichkeiten
von den Betroffenen selber meistens nicht erkannt.
Anders als bei primären Allergien, die
sich sofort mit allerlei Beschwerden bemerkbar
machen, tritt bei dieser Art von Immunabwehr
die spürbare Reaktion erst viel später oder gar
nicht auf. Wenn sich sozusagen aus heiterem
Himmel ein Bauchzwicken einstellt, denkt keiner
an das Filet, das er zwei Tage vorher verzehrt
hat. Ein Bluttest liefert indessen Klarheit
über allfällige Übeltäter. Und sobald diese einmal
aussortiert sind, geschieht das Abnehmen
wie von allein. Drei Viertel aller Patienten, so
Dr. Davis, verlieren durch Weglassen der betreffenden
Lebensmittel in drei bis sechs Monaten
vier bis zehn Prozent ihres Gewichts. Allerdings
ist es nicht immer leicht, die Essensgewohnheiten
nach den Resultaten zu richten, vor
allem für Menschen, die sich oft auswärts verpflegen
müssen. Wenn Kaviar und Austern im
roten Bereich liegen, ist das in der Regel nicht
so schlimm. Ananas und Papaya lassen sich
ebenfalls relativ leicht aus dem Speiseplan verbannen.
Aber die geliebten Steaks weglassen?
In der Spargelzeit keine Spargeln essen? Und –
noch schlimmer – auf Eier und Milch verzichten?
Offensichtlich gibt es Menschen, die auf
zwei Drittel aller getesteten Substanzen reagieren.
Anderseits stehen bei einzelnen Personen
nur Dinge auf der Verbotsliste, die sie ohnehin
nie konsumieren. Oder es kommt vor, dass
praktisch gar keine Unverträglichkeiten entdeckt
werden, obwohl sich Bauch und Hüften unvorteilhaft wölben. Dann bleibt wohl doch nichts anderes übrig, als die alten Weisheiten hervorzukramen, die da heissen: weniger essen und viel Bewegung. Kalorien sind halt leider immer Kalorien.

Weight-Management nach Dr. Clarence P. Davis, bei swissestetix
in Zollikon, Tel. 044 934 34 34. Lektüre: Dr. Rainer Holzhüter:
Die Genuss-Diät, Ullstein-Verlag. Dr. Ulrich Strunz: Fit mit Fett.
Heyne-Verlag. IsabelleMartin: Nahrungsmittel, die schlank machen – der Negativ-Kalorien-Effekt. Edition GIE.

Christa Arnet für nzzs 08.05.05 Nr.19 Seite105 lo Teil02

swissestetix am 8.1.10 15:14

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